OoPJD

Clinical Model

Wie der klinische Verlauf im oPJD modelliert wird — Grundprinzip, Kernelemente, klinische Klammern und pragmatische Kausalitäten.

Grundprinzip

oPJD modelliert den onkologischen Behandlungsverlauf als eine Folge klinischer Ereignisse, die in definierte Zusammenhänge eingebettet sind. Die Patient Journey ist dabei kein abstrakter Pfad, sondern eine konkrete Abfolge dokumentierter Schritte — Diagnosen, Beschlüsse, Eingriffe, Befunde, Therapien, Verlaufsbewertungen.

Der entscheidende Unterschied zu einer reinen Chronologie: oPJD ordnet diese Ereignisse nicht nur zeitlich, sondern klinisch ein. Jedes Ereignis erhält einen Kontext — zu welchem Tumor es gehört, in welcher Behandlungsphase es stattfindet, auf welches Schlüsselereignis es sich bezieht.

Leitprinzip

Ereignisse bleiben die Basiseinheit. Entscheidend ist nicht ihre bloße Existenz, sondern ihre Einordnung in klinische Zusammenhänge.

Kernelemente

Das klinische Modell arbeitet mit einer begrenzten Zahl von Strukturelementen:

Tumorbezug

Jedes Ereignis im oPJD bezieht sich auf einen konkreten Tumor bzw. eine Krankheitsentität. Bei Patienten mit mehreren Tumoren wird dadurch sichtbar, welche Maßnahmen sich auf welche Erkrankung beziehen.

Ereignis

Die atomare Einheit des Modells. Ein Ereignis hat einen Typ (Diagnose, OP, Systemtherapie, Bestrahlung, Tumorboard, Pathobefund, Verlauf, etc.), ein Datum und einen Tumorbezug. Es ist die dokumentierte Tatsache.

Schlüsselereignis

Bestimmte Ereignisse haben eine strukturierende Funktion für den Verlauf — sie markieren Wendepunkte, Strategieentscheidungen oder Übergänge zwischen Behandlungsphasen. Ein Tumorboard-Beschluss, eine Erstdiagnose, ein Progressionsnachweis sind typische Schlüsselereignisse.

Episode / Behandlungsklammer

Eine Episode fasst eine Gruppe von Ereignissen zu einem klinisch zusammenhängenden Behandlungsabschnitt zusammen. Sie definiert den Rahmen, in dem einzelne Maßnahmen interpretiert werden.

Übergang / Strategiewechsel

Der Übergang zwischen Episoden ist klinisch bedeutsam. oPJD modelliert, warum ein Wechsel stattfindet — Ansprechen, Progression, Toxizität, Patientenentscheidung — und markiert den Beginn einer neuen Behandlungsphase.

Die Klammern

Die klinischen Klammern sind eines der zentralen Konzepte des oPJD. Sie definieren klinische Sinnabschnitte — nicht bloß zeitliche Fenster, sondern fachlich begründete Behandlungsphasen. Das oPJD unterscheidet dabei zwei Kategorien: Verlaufsphasen, die den Behandlungsverlauf strukturieren, und Kontextklammern, die parallel dazu einen Versorgungs- oder Dokumentationskontext aufspannen.

Verlaufsphasen

Verlaufsphasen bilden das Rückgrat der Journey. Sie folgen je Tumor grundsätzlich aufeinander und sollen sich nicht überlappen:

  • Erstdiagnose-Episode (first_diagnosis): Von der Verdachtsdiagnose über Staging und histologische Sicherung bis zum ersten Behandlungsbeschluss.
  • Neoadjuvante Episode (neoadjuvant): Systemtherapie oder Bestrahlung vor einem geplanten operativen Eingriff, einschließlich Responsebeurteilung.
  • Operative Episode (surgical): Der operative Eingriff mit perioperativer Diagnostik, Pathologiebefund und Komplikationsmanagement.
  • Adjuvante Episode (adjuvant): Postoperative Therapie zur Konsolidierung des Behandlungserfolgs.
  • Active Surveillance (active_surveillance): Strukturierte Überwachung mit aufgeschobenem kurativem Anspruch — klassisch beim Niedrigrisiko-Prostatakarzinom. Die Episode enthält die Kontrollereignisse (PSA, Bildgebung, Re-Biopsie) und endet typischerweise durch Progression oder histologisches Upgrading, das per triggers-Relation die aktive Therapie auslöst.
  • Watchful Waiting (watchful_waiting): Symptomorientiertes Abwarten ohne kurativen Anspruch — Intervention erst bei Beschwerden, typisch bei begrenzter Lebenserwartung oder relevanter Komorbidität.
  • Progressions-Episode (progression): Nachweis einer Krankheitsprogression als Trigger einer neuen Therapielinie oder Strategieentscheidung.
  • Palliative Therapielinie (palliative_line): Systemtherapie im palliativen Kontext, mit Angabe der Therapielinie.
  • Nachsorgephase (follow_up): Strukturierte Nachsorge nach Abschluss der Primärbehandlung.

Keine Therapie ist auch eine Strategie

Active Surveillance und Watchful Waiting sind im oBDS nur als Empfehlungstyp der Tumorkonferenz sichtbar (AS/WW/WS) — als lokales Attribut eines einzelnen Beschlusses. Dass ein Patient über Monate unter Überwachung steht, ist dort nirgends abgebildet. Als Episode wird die Strategie prüfbar: Eine Überwachungsepisode ohne Kontrollereignisse im erwarteten Intervall ist eine sichtbare Lücke — Lost-to-follow-up wird zum Befund statt zum Zufallsfund.

Kontextklammern

Kontextklammern beantworten nicht „in welcher Behandlungsphase?", sondern „in welchem Versorgungskontext?". Sie laufen parallel zu den Verlaufsphasen — dasselbe Ereignis darf in mehreren Klammern referenziert sein:

  • Studienphase (study_participation): Vom Studieneinschluss (eigener Ereignistyp study_enrollment — Einwilligung, Registrierung, Randomisierung) bis zum Ende der Studienteilnahme. Trägt den Studienbezug (Register und Nummer, z.B. NCT/DRKS, ggf. Arm). Die neoadjuvante Protokoll-Chemotherapie bleibt dabei Teil der neoadjuvanten Verlaufsphase und der Studienphase — genau das ist die Parallelität. Der oBDS kennt keinen Studieneinschluss; hier ergänzt das oPJD die Journey um eine forschungsrelevante Information, die sonst nur in Studiensystemen liegt (Provenance: study).
  • Primärfall / Zentrumsfall (primary_case / center_case): Die Fallklassifikation aus der Zertifizierungswelt (DKG/OnkoZert) — wessen Fall ist das, wer zählt ihn? Primärfall: Ersterkrankung, deren Primärtherapie (bzw. wesentliche Teile) in der benannten Einrichtung erfolgt. Zentrumsfall: Der Fall wird vom Zentrum geführt oder mitbehandelt, ohne die Primärfall-Kriterien zu erfüllen (z.B. Übernahme nach auswärtiger Ersttherapie). Die Klammer nennt verpflichtend die Einrichtung (organization).

Deklariert, nicht berechnet

Die exakten Primärfall-/Zentrumsfall-Definitionen variieren je Zertifizierungssystem und Kennzahlenjahr. Das oPJD transportiert deshalb die Deklaration der Einrichtung samt Herkunft und Qualität (Provenance: certification) — es rechnet die Klassifikation nicht selbst nach. Beim Austausch zwischen Zentren weiß der Empfänger damit, wessen Zählung er vor sich hat.

Überlappungsregel

Verlaufsphasen desselben Tumors sollen sich nicht überlappen — das ist eine Validator-Regel, keine Schema-Restriktion. Kontextklammern dürfen sich mit Verlaufsphasen und untereinander beliebig überlappen. So bleibt das Rückgrat der Journey eindeutig, während Kontexte sie überlagern können.

Klinische Klammern vs. Zeitfenster

Eine Episode hat einen Anfang und ein Ende, aber sie ist nicht durch Kalenderwochen definiert, sondern durch klinische Ereignisse. Die neoadjuvante Episode beginnt mit dem Therapiebeschluss und endet mit der Responsebeurteilung oder dem Übergang zur OP — nicht an einem fixen Datum. Dasselbe gilt für die Überwachung: Die Active-Surveillance-Episode beginnt mit dem Strategiebeschluss und endet mit dem Ereignis, das den Strategiewechsel begründet.

Beispielverlauf

Beispiel: NSCLC-Verlauf mit oPJD-Episoden

Episode: Erstdiagnose
Verdachtsdiagnose Bronchialkarzinom
CT Thorax / Staging
Bronchoskopie mit Biopsie
Pathologiebefund: NSCLC, Adeno, EGFR-mutiert
Tumorboard: Empfehlung neoadjuvante Therapie
Episode: Neoadjuvant
Start Chemotherapie (Cisplatin/Pemetrexed)
Zyklus 2
Zyklus 3
Restaging-CT: partielles Ansprechen
Tumorboard: OP-Freigabe
Episode: Operativ
Lobektomie rechts
Pathologie: ypT1b ypN0 R0
Episode: Adjuvant
Adjuvante Chemotherapie (4 Zyklen)
Episode: Nachsorge
Nachsorge-CT: kein Rezidiv
Nachsorge-CT: Verdacht auf Progression
Episode: Progression
PET-CT: Bestätigung Lokalrezidiv
Tumorboard: Empfehlung Zweitlinie

Bezüge: Die vier Relationstypen

oPJD modelliert keine umfassende klinische Ontologie, sondern eine bewusst kleine, abschließende Menge gerichteter Bezüge — die minimalen Kausalitäten. Eine Relation ist dabei ein eigenständiges Datenobjekt mit eigener ID und eigener Qualitätsangabe:

Relation {
  relation_id: "REL-2025-004"
  type: "result_of"          // die Art des Bezugs
  from: "EVT-2025-021"       // wer den Bezug ausspricht (Pathobefund)
  to: "EVT-2025-020"         // worauf er sich bezieht (Lobektomie)
  meta: { quality: "curated" }
}

Die Leserichtung

Eine Relation liest sich als deutscher Satz — Subjekt, Verb, Objekt: A —result_of→ B heißt „A ist Ergebnis von B". Der Pfeil folgt der Grammatik, nicht der Zeit: Bei result_of zeigt er zeitlich rückwärts (der spätere Befund verweist auf den früheren Eingriff), bei triggers vorwärts (die Progression begründet die nächste Episode). Merkregel: from ist immer das Element, das den Bezug ausspricht — der Befund, die Therapie, die Bewertung, der Auslöser.

Zum Wording: Die Typbezeichner sind bewusst englische, maschinenlesbare Schlüssel — stabil über Sprachgrenzen hinweg und anschlussfähig an die FHIR-/mCODE-Welt. Die deutsche Lesart („ist Ergebnis von", „setzt um", „beurteilt", „löst aus") ist normativer Bestandteil der Spezifikation, nicht bloße Übersetzung.

result_of — „ist Ergebnis von"

Ein Befund verweist auf die Maßnahme, aus der er hervorgegangen ist: Der Pathologiebefund ist Ergebnis der Lobektomie, die Molekularpathologie ist Ergebnis der Biopsie. Die Relation beantwortet die Frage: „Woher stammt dieser Befund?"

  • from: der Befund (Pathologie, Molekularpathologie)
  • to: der Eingriff, der das Material oder Resultat geliefert hat
  • Macht prüfbar: Eine operative Episode ohne eingehenden result_of-Pathobefund ist eine sichtbare Lücke; ein Befunddatum vor dem Eingriffsdatum ein Widerspruch.
  • Nicht verwechseln: result_of ist echte Herkunft (dieses Präparat, dieser Eingriff) — nicht bloße zeitliche Nähe. Genau diese Zuordnung ist aus oBDS-Meldungen nachweislich nicht ableitbar; im oPJD wird sie ausgesprochen statt geraten.

implements — „setzt um"

Eine durchgeführte Maßnahme erklärt, auf welchen Beschluss oder welche Empfehlung sie antwortet: Die Chemotherapie setzt den Tumorboard-Beschluss um, die Operation setzt die OP-Freigabe um. Die Relation beantwortet: „Worauf reagiert diese Therapie?"

  • from: die durchgeführte Maßnahme (OP, Systemtherapie, Bestrahlung)
  • to: der Beschluss bzw. die Empfehlung (typisch: Tumorboard)
  • Macht prüfbar: Eine Tumorboard-Empfehlung ohne implements-Relation binnen definierter Frist wird zum messbaren Leitlinienadhärenz-Signal; die Zeit von Beschluss bis Therapiebeginn wird zur Kennzahl.
  • Nicht verwechseln: implements heißt nicht „eins zu eins wie empfohlen". Abweichungen (Patientenwunsch, Toxizität) bleiben in der Nutzlast dokumentiert — die Relation sagt nur, worauf die Maßnahme antwortet.

assesses — „beurteilt"

Ein Bewertungsereignis benennt, was es bewertet: Das Restaging-CT beurteilt die neoadjuvante Episode (Response), die Verlaufsbeurteilung beurteilt die palliative Erstlinie (Ansprechen). Die Relation beantwortet: „Was bewertet dieser Verlauf?"

  • from: das Bewertungsereignis (Verlauf, Restaging)
  • to: typischerweise eine Episode, ausnahmsweise eine einzelne Maßnahme
  • Macht prüfbar: Eine neoadjuvante Episode ohne assesses-Relation bedeutet: Response-Beurteilung fehlt. Und ein ypTNM ohne vorausgehende neoadjuvante Episode ist ein Widerspruch — der oBDS trägt den Beweis (y-Präfix), erst die Struktur macht ihn prüfbar.
  • Nicht verwechseln: Nicht jeder Verlauf braucht assesses — nur wo sich eine Bewertung erkennbar auf eine Behandlungsphase bezieht. Ein allgemeiner Nachsorge-Verlauf bleibt ein einfaches Ereignis in der Nachsorge-Episode.

triggers — „löst aus"

Ein auslösendes Ereignis begründet den Beginn einer neuen Episode oder Therapielinie: Der Progressionsnachweis löst die Progressions-Episode bzw. die neue Linie aus. Als einziger Typ zeigt triggers in die Zukunft. Die Relation beantwortet: „Warum beginnt diese Episode?"

  • from: der Auslöser (Progression, Toxizität, Patientenentscheidung)
  • to: die neu beginnende Episode
  • Macht prüfbar: Eine Progression ohne triggers-Relation ist ein Verlauf ohne dokumentierte Konsequenz; umgekehrt sollte jede Folge-Episode einen Auslöser haben — Übergänge werden erklärbar statt erratbar.
  • Nicht verwechseln: triggers begründet den Übergang („warum gibt es die neue Klammer"), implements die Umsetzung („worauf antwortet die Maßnahme"). Typische Kette: Die Progression triggers die neue Episode; deren Therapie implements den neuen Tumorboard-Beschluss.

Überblick

TypLesartfrom (spricht aus)to (Bezugsziel)Beantwortete Frage
result_ofist Ergebnis vonBefundEingriffWoher stammt dieser Befund?
implementssetzt umMaßnahmeBeschlussWorauf reagiert diese Therapie?
assessesbeurteiltBewertungEpisode / MaßnahmeWas bewertet dieser Verlauf?
triggerslöst ausAuslöserneue EpisodeWarum beginnt diese Episode?

Was bewusst kein Relationstyp ist

  • Der Tumorbezug. Jedes Ereignis trägt tumor_ref als Pflichtfeld — dafür braucht es keine Relation.
  • Der Zweck einer Operation (Diagnosesicherung vs. Therapie) steht als Intention in der oBDS-Nutzlast des Ereignisses.
  • Die Zugehörigkeit zu einer Episode. Sie wohnt in der Episode selbst (events[]): Die Klammer gruppiert, die Relation verbindet.

Die vier Typen sind bewusst abschließend. Neue Relationstypen entstehen nicht ad hoc, sondern über den definierten Änderungsprozess der Governance.

Pragmatik statt Perfektion

Nicht jede Dosisreduktion, jede laborchemische Kontrolle und jede administrative Änderung wird kausal modelliert. Der Fokus liegt auf den klinisch relevanten Zusammenhängen, die für die Interpretierbarkeit des Verlaufs entscheidend sind.

Was oPJD bewusst nicht sein will

Dieser Abschnitt ist zentral für das Verständnis und die Akzeptanz des Modells. oPJD definiert sich auch darüber, was es nicht ist:

  • Kein maximal kompliziertes ontologisches Universum. Das Modell arbeitet mit einer begrenzten Zahl klinisch relevanter Klammern und Beziehungen. Es ist bewusst nicht vollständig, sondern pragmatisch ausreichend.
  • Kein Ersatz aller Primärsysteme. oPJD modelliert den Verlauf, nicht die gesamte Krankenakte. Es ersetzt weder die Tumordokumentation noch die klinischen Subsysteme, aus denen die Daten stammen.
  • Kein System, das jede medizinische Feinheit erzwingen will. Der Detailgrad ist so gewählt, dass er in realen Dokumentationssystemen umsetzbar ist — nicht so, wie es eine idealisierte Forschungsdatenbank erfordern würde.
  • Kein abgeschlossenes, statisches Format. oPJD ist als lebende Spezifikation angelegt, die sich durch Praxiserfahrung und Rückkopplung weiterentwickelt.

Zusammengefasst

oPJD ist ein praktikabler, klinisch sinnvoller Longitudinalrahmen — nicht mehr, aber auch nicht weniger. Er macht aus fragmentierten Datenpunkten einen interpretierbaren, austauschbaren Behandlungsverlauf.