Das Problem
Der onkologische Basisdatensatz (oBDS) ist die zentrale Grundlage der onkologischen Dokumentation in Deutschland. Er definiert, welche Informationen zu einer Tumorerkrankung erfasst werden — Diagnosen, histologische Befunde, Therapien, Verlaufsereignisse, Nachsorge.
Was der oBDS nicht explizit modelliert, ist der klinische Zusammenhang zwischen diesen Informationen. Die Daten liegen als einzelne Meldungen vor — jede Meldung ist eine Transaktion eines Melders zu einem Meldeanlass, nicht ein Kapitel eines Behandlungsverlaufs. Ihre zeitliche Reihenfolge ist rekonstruierbar. Aber welche Ereignisse klinisch zusammengehören, welche Therapie auf welchen Beschluss reagiert, welcher Befund zu welchem Eingriff gehört — das bleibt implizit.
Die Folge
Die Lücke: Der oBDS behauptet Kontext, kann ihn aber nicht tragen
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass dem oBDS die Kontextinformation fehlt. Sie ist vorhanden — aber als unverankerte lokale Behauptung, die strukturell nicht eingelöst werden kann:
| oBDS-Element | Was es verspricht | Warum es scheitert |
|---|---|---|
| Stellung_OP (O/A/N/I/Z) | „Diese Therapie ist neoadjuvant / adjuvant / intraoperativ" | Nennt nicht, zu welcher Operation. Bei mehreren Eingriffen oder Tumoren unauflösbar. |
| Intention (kurativ / palliativ) | „Das ist die Absicht dieser Therapie" | Lokales Attribut je Einzeltherapie, ohne Bezug zur Behandlungsstrategie — gegen nichts prüfbar. |
| OP_ID, ST_ID, SYST_ID | Eindeutige Anker für Querverweise | Optional — und in der Praxis so bedeutungslos, dass reale Systeme sie nicht einmal einlesen. |
| Therapieempfehlung der Tumorkonferenz | Der dokumentierte Behandlungsplan | Kein Rückverweis von der ausgeführten Therapie. Plan und Umsetzung bleiben unverbunden. |
| y-Präfix im TNM | Beweist neoadjuvante Vorbehandlung | Nichts verknüpft das ypTNM mit der Therapie, die es belegt. |
Befund aus der Praxis
Dass ein Ereignis vor einem anderen stattgefunden hat, bedeutet eben nicht, dass es sich klinisch darauf bezieht. Chronologie ist nicht gleich klinische Interpretierbarkeit — und ein Feld, das Kontext nur behauptet, ohne auf sein Gegenüber zeigen zu können, ist für Empfänger, Forschung und Qualitätssicherung wertlos.
Die fünf Zutaten
Der oPJD fügt dem oBDS keine neuen medizinischen Inhalte hinzu. Er überführt die unverankerten Behauptungen in referenzierte, prüfbare Struktur. Fünf Zutaten — jede heilt einen der oben nachgewiesenen Defekte:
1 — Adressen: Alles bekommt eine Identität
Jedes Ereignis, jede Episode, jeder Tumor erhält eine verpflichtende, stabile ID. Das klingt banal, ist aber die Voraussetzung für alles Weitere: Man kann nur auf das zeigen, was eine Adresse hat. Der oBDS kennt Selbst-IDs nur optional — und die Praxis ignoriert sie; Zusammenhang entsteht dort allein durch Schachtelung innerhalb einer Meldung oder eine gemeinsame Tumor-ID.
2 — Klammern: Episoden als eigene Objekte
Die Episode ist kein Zeitfenster, sondern ein Objekt mit klinischer Semantik: Typ (Erstdiagnose, neoadjuvant, operativ, adjuvant, Nachsorge, Progression, palliative Linie — und auch Active Surveillance und Watchful Waiting, denn keine Therapie ist auch eine Strategie), Tumorbezug, Grenzereignisse, zugeordnete Ereignisse — und die Intention auf Episodenebene statt nur je Einzeltherapie. Damit wird aus der Behauptung Stellung_OP=N die prüfbare Aussage „gehört zur neoadjuvanten Episode, die vor der operativen Episode X liegt". Die Episode trägt auch die Therapielinien-Nummer — die es im oBDS schlicht nicht gibt. Neben diesen Verlaufsphasen kennt das Modell Kontextklammern, die parallel dazu laufen: die Studienphase (vom Einschluss bis zum Studienende) und die Fallklassifikation des Zentrums (Primärfall / Zentrumsfall aus der Zertifizierungswelt).
3 — Bezüge: Vier typisierte Relationen
Eine bewusst kleine Menge gerichteter Bezüge zwischen Ereignissen — die minimalen Kausalitäten. Jede Relation ist ein eigenes Datenobjekt und liest sich als deutscher Satz:
| Relation | Lesart | Beispiel |
|---|---|---|
| result_of | „ist Ergebnis von" | Der Pathologiebefund ist Ergebnis der Lobektomie. |
| implements | „setzt um" | Die Chemotherapie setzt den Tumorboard-Beschluss um. |
| assesses | „beurteilt" | Das Restaging-CT beurteilt die neoadjuvante Episode. |
| triggers | „löst aus" | Der Progressionsnachweis löst die neue Therapielinie aus. |
Genau diese vier Bezüge sind es, die heute niemand aus den Meldungen ableiten kann — und die jeder braucht, der einen Verlauf verstehen, prüfen oder auswerten will. Die ausführliche Erklärung der Leserichtung, des Wordings und aller vier Typen mit Abgrenzungen steht im Clinical Model.
4 — Ehrliche Herkunft: Die Interpretation trägt Metadaten
Der operative Clou: Episoden und Relationen tragen selbst Provenance- und Qualitätsmetadaten. derived heißt: algorithmisch aus oBDS-Indizien vorgeschlagen (Stellung_OP, y-TNM, Datumsfenster). curated heißt: fachlich bestätigt. So kann der Datensatz unvollkommen starten und transparent besser werden — der Empfänger weiß jederzeit, ob er einer Maschinen-Hypothese oder einem kuratierten Fakt vertraut. Ohne diese Zutat müsste die Klammer-Schicht von Tag eins an perfekt sein; mit ihr ist die automatische Ausleitung aus Bestandssystemen der realistische erste Schritt.
5 — Erwartungen: Lücken werden Daten
Jeder Episodentyp definiert, was in ihm erwartbar ist: Die neoadjuvante Episode erwartet eine Response-Beurteilung, die operative einen Pathologiebefund, die Progression eine nachfolgende Strategieentscheidung. Chronologie kann prinzipiell nicht sagen, dass etwas fehlt — eine klinische Grammatik kann es. Damit kippt Validierung von Schranken-Prüfung („nichts vor Diagnose") zu Vollständigkeits-Prüfung, und der Datensatz kann seine eigene Belastbarkeit ausweisen.
Konstruktionsprinzip: Schicht, nicht Ersatz
Die Secret Sauce in einem Satz
Abgrenzung zu oBDS und DIZ
Klarstellung
| Aspekt | oBDS | oPJD |
|---|---|---|
| Dateneinheit | Meldung / Formularsatz | Klinisches Ereignis im Verlaufskontext |
| Zusammenhänge | Implizit über Zeitstempel und IDs | Explizit über Episoden und Relationen |
| Behandlungsepisoden | Nicht modelliert | Definierte klinische Klammern |
| Datenqualität | Extern zu prüfen | Metadaten-Layer für Provenance und Qualität |
| Austauschbarkeit | Registermeldung (unidirektional) | Bidirektional, verlaufsbezogen |
| Vollständigkeit | Lücken nicht erkennbar | Lücken werden durch Episodenstruktur sichtbar |
Die Datenintegrationszentren (DIZ) liefern die Infrastruktur und Integration. oPJD definiert die fachliche Logik eines longitudinal interpretierbaren onkologischen Verlaufs. Beides gehört zusammen, ersetzt sich aber nicht gegenseitig.
Positionierung
- oBDS = definiert, welche Informationen erfasst werden
- DIZ = stellt sicher, dass Daten integriert und verfügbar sind
- oPJD = definiert, wie diese Informationen klinisch zusammenhängen
Das Ziel